von Ali via Lhatse bis Lhasa

Bevor wir in Ali wieder die Raeder bestiegen, gab es noch eine kleine "Party" auf der Dachterasse des Hotels. Neben Pasta und Salat, goennten wir uns nach langer Abstinenz wieder einmal ein Glas chinesischen Rotwein.

Durchaus geniessbar!

Die Abfahrt der Fahrradgang verursachte schon ein bisschen Aufsehen, denn die Strecke von Kashgar bis zum Berg Kailash wird immer noch von wenigen auslaendischen Fahrradfahrern abgestrampelt. Die Strecke von Yecheng (Kargilik) bis Ali ist fuer Individualreisende immer noch gesperrt. Wer sich erwischen laesst, wird mit einer Busse von 300 Yuan (umgerechnet fast 50sFr.) geahndet. Das Geld muss beim PSB/Public Security Bureau (Auslaenderpolizei) abgeliefert werden, wofuer man sogar eine Quittung (in chinesisch!) erhaelt.
Ein richtiges Katz und Maus Spiel ;-) Wir verzichteten auf die "Spende" und setzten trotzdem unsere Reise mit gutem Gewissen fort ;-)
Lina&Andreas, die auf dem Weg nach Ali Rahmenbruch erlitten und immer noch auf den Ersatzrahmen warteten, mussten leider noch in Ali verharren.
Wie wir erst spaeter erfuhren, verbrachten sie ueber einen Monat in Ali, bevor sie endlich den neuen Rahmen erhielten und die Reise Richtung Lhasa fortsetzen konnten.
Das erste Teilstueck von Ali bis Namru war ein Genuss. Wir bekundeten allerdings Muehe mit dem Asphalt, nachdem wir uns auf dem Weg nach Ali groesstenteils ueber staubige Schotterpisten muehten. Das sollte sich aber bald wieder aendern, denn kurz nachdem wir uns von Kerstin&Iso verabschiedet hatten, die einen Abstecher Richtung Zanda machten (ehemaliges Kuge Koenigreich), erwartete uns wieder "feinster" Schotter.
Die Radlergang schrumpfte weiter, denn auch Milos verabschiedete sich von uns. Der Cousin von Alice, hatte nicht soviel Zeit zur Verfuegung, ein volles Programm und eine deutlich hoehere Trettfrequenz.
Nur noch im Quartett, aber voller Zuversicht setzten wir die Reise fort. Wir fanden immer wieder idyllische Plaetze, direkt am Fluss gelegen und am Abend verzueckte uns jeweils der Sternenhimmel, die ultimative Alternative zum lokalen Fernsehprogramm. Der Himmel war so klar, dass man die Sterne fast greifen konnte und nicht selten regnete es Sternschnuppen.
Am naechsten Morgen begleitete uns eine Yakherde. Nicht nur die mit Schafswolle beladenen Yaks waren auf dem Weg zum Markt.
Die zunehmend schlechter werdende Strasse zwang uns immer wieder auf Neben"wege" auszuweichen. Einige Flussueberquerungen spaeter hiess es abermals Abschied nehmen. Das China-Visa von Alice&Andoni war nur noch fuer wenige Tage gueltig. Ihr Weg fuehrte auf direktestem Weg nach Nepal. Wir dagegen wollten noch zum Berg Kailsah und nach Lhasa, so trennten sich unsere Wege kurz vor Darchen.
Der heilige Berg Kailash, von den Tibetern Gang Rinpoche, oder auch als Schneejuwel umschrieben, war immer noch dick in Wolken verhuellt, als wir Darchen erreichten.
In Darchen, dem Ausgangspunkt fuer die Kora, trafen wir wieder auf einen Altbekannten. Masahiro, einen jungen japanischen Fahrradfahrer alias Really, den wir bereits in Ali kennengelernt hatten. Was fuer ein gluecklicher Zufall.
Da unser Kocher nicht mehr zu gebrauchen war, half er uns spontan mit einem MSR-Kocher aus, den er zusaetzlich mitfuehrte :-)))
Nach intensivem Kartenstudium stand also der Kora nichts mehr im Wege.

Die rituelle Umwanderung, die Kora, des Kailash hat eine lange Tradition. Als verdienstvoller gilt allerdings die Umrundung durch Niederwerfen und Ausmessen mit der eigenen Körperlänge. Die Hände erheben und falten sich, werden zu Stirn, Mund und Herz geführt, es folgt das Niederknien und das sich in voller Länge auf den Boden strecken, bis Knie, Bauch, Brust, Mund, Stirne und die Hände den Boden berühren, danach aufstehen und den Vorgang, eine Körperlänge weiter, wiederholen. Alles in tiefster Hingabe und Demut. Bei dieser Prostration ist der Körper mit einer Lederschürze bedeckt, die Hände tragen lederne Handschuhe.

Diese rituelle Umwanderung ist Teil des buddhistischen Erleuchtungsdenkens, der auf der Grundlage von Mitleid, durch Niederwerfungen, Opfern, Almosen usw. möglichst viel an verdienstvollen Handlungen anhäuft. Der Gläubige erhofft sich in diesem Zusammenhang ein glücklicheres Los in seinem derzeitigen Leben oder eine bessere Inkarnation (Wiedergeburt).

In alten buddhistischen Schriften und Sanskrit-Texten wird der Berg Kailash als Meru, 'Nabel der Welt' bezeichnet. Hier veliert die Religion an Bedeutung, denn jeder Pilger gehört zu der grossen Gemeinschaft von Wahrheitssuchern, die nach der selben höheren Wirklichkeit suchen und die letztendlich auch für alle gleich ist.

Mit einer Höhe von 6714 m ist der Kailash nicht der höchste Berg, aber gleichwohl scheinen alle Bergriesen in dieser Hochgebirgslandschaft vor ihm zurückzutreten.

Mangels Knie- und Ellbogenschoner nahmen wir es ein bisschen gemuetlicher und begaben uns fuer einmal zu Fuss auf den Weg. Wir waren wahrlich nicht die einzigen die den Kailash umrundeten.
Taeglich nehmen Hundertschaften jeden Alters die Kora in Angriff. Nicht selten benoetigen sie fuer die ueber 50 Km nicht mehr als einen ganzen Tag.
Die Richtung der Umrundung erfolgt dabei in Abhaengigkeit von der Religionszugehoerigkeit des Pilgers. Buddhisten, Hinduismus und Jainismus im Uhrzeigersinn, Anhaenger des Boen gegen den Uhrzeigersinn. Der tibetische Kalender sieht zudem vor, dass in bestimmten Zeitraeumen Umrundungen einen anderen Stellenwert haben, so zaehlt bspw. im Jahr des Pferdes jede Runde sechsfach und 108 Umrundungen garantieren ein konstantes Nirwana. Nicht selten legen Pilger bereits den ganzen Weg bis zum Kailash mittels Niederwerfungen zurueck.
Fuer die Kora benoetigt sie dann nochmals etwa 3 Wochen. Die Verpflegung besteht meistens nur aus Tsampa (Hirsebrei) und Nudelsuppen, die in zahlreichen Teestuben entlang der Kora angeboten werden. Eine Wahnsinnsleistung!
Uns machten neben dem Wetter, vor allem die Rucksaecke zu schaffen, die bereits nach kurzer Zeit an diversen Stellen rissen, so dass das Tragen zur Qual wurde. Aber ein bisschen Leiden muss ja sein. Denn wenn man all die alten Leute sieht, die sich mit deutlich schlechterem Material auf die Umrundung des Berges begeben, wird alles ein wenig relativiert.

Das Wetter spielte nach regnerischem Beginn einigermassen mit und so bekamen wir den Kailsah doch noch zu Gesicht. Die Nordseite des heiligen Berges wird auch mit Goldgesicht umschrieben und die Aussicht ist bei klarer Sicht wirklich einmalig.
Auf dem Weg zum Droem La, passiert man zahlreiche, vor allem fuer Pilger wichtige Punkte. Nicht selten werden von den Pilgern Kleidungsstuecke zurueckgelassen.

Der ueber 5600 Meter hohe Droem La Pass, ist mit unzaehligen Gebetsfahnen geschmueckt. Hier oben wehte auch ein ziemlich kuehler Wind, so dass wir schon bald den Abstieg in Angriff nahmen. Das letzte Teilstueck war vorwiegend flach und auch das Wetter zeigte sich wieder von der freundlicheren Seite.

Die Landschaft verwandelte sich ein weiteres mal. Das Tal oeffnete sich und die Umgebung wurde zusehends gruener.
Wir verbrachten noch eine Nacht in Darchen und zogen bereits am naechtesn Tag weiter. Auf dem Weg nach Barkha gab es immer wieder einmal einen Fluss zu ueberqueren. Eine Ansammlung von Traktoren und Bussen war bereits im Hochwasser blockiert und nicht unweit kaempfte ein Tibeter um sein Motorrad. Erst gemeinsam schafften wir es dann das Vehikel zu bergen :-)
Unweit des Kailash, zu Füssen des Gurla Mandhata (7728 m), liegen der mythenbestzte und ebenfalls heilige Manasarovar-See und nur durch einen Hügel getrennt, der See Raskas-Tal, der von nicht minderer mythologischer Bedeutung ist. Diese beiden Seen bilden mit einer durchschnittlichen Höhe von 4550 m die höchsten Süsswasserreservoirs unseres heimischen Planeten.
Seit tausenden von Jahren ist der heilige Berg Kailash eine unermessliche Quelle der Inspiration, zu der sich eine zahllose Schar von Heiligen, Weisen, Yogis und Eremiten hingezogen fühlten, um in seinem Schatten die Erleuchtung zu finden.
Für die Pilger ist es die Kora, die pilgermässige Umrundung, die ihnen die spirituelle Reinigung und die letztendliche Erlösung bringen soll.
Im weiteren Umkreis des Kailash entspringen vier der grössten Flüsse Asiens. Im Osten der Brahmaputra oder Tsangpo, der Karnali im Süden, der Sutlej im Westen und der Indus im Norden.
In Chiu, direkt am Manasarovarsee gelegen, legten wir einen Ruhetag ein. Von der Chiu Monatery kann man den ganzen See ueberblicken und im Hintergrund trohnt majestaetisch der Berg Kailash.
Nur wenige westliche Touristen nehmen die Kora um den See in Angriff. Ein Grund ist sicher der schlechte Weg und die grosse Distanz (mehr als 100 Kilometer). Uns genuegte bereits ein Tag. Nach einer schicksalhaften Begegnung machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Haupstrasse G219.
Den Kailash im Ruecken und frisch verpflegt, begaben wir uns auf den weiten Weg nach Lhasa. Die Energie benoetigten wir, denn nicht selten gab es Huefttiefe Fluesse zu ueberqueren und zum Teil versanken unsere Raeder einfach im Sand.
In Paryang lernten wir Daniel, einen jungen Chinesen kennen. Wir trafen in ein paar Paesse spaeter wieder in Saga und dann ein weiteres Mal in Lhasa.
Wie viele andere chinesische Radfahrer, hatte auch er staendig mit Materialproblemen zu kaempfen, so dass er schlussendlich sein Fahrrad auf einen Lastwagen verladen musste :-(

 

An Abwechslung fehlte es nie und so trafen wir trotz zum Teil heftigem Gegenwind bald in Saga ein. Hier ging die Post ab und uns erwartete neben einer heissen Dusche (oeffentliches Duschhaus) auch noch ein hartnaeckiger Checkpoint.

Erst nach zaehen Verhandlungen und einem Interview auf dem PSB (Auslaenderpolizei) durften wir unsere Reise am spaeten Nachmittag doch noch in die gewuenschte Richtung fortsetzen. Den Pass, ein weiterer 5000er, erreichten wir erst bei Einbruch der Dunkelheit.

Eigentlich wollten wir noch bis Raga weiterradeln, erwischten aber die falsche Abzweigung. Wir waehnten das kleine Dorf in der falschen Richtung. Die angeblichen Lichter stellten sich als Wetterleuchten heraus!
Wir beschlossen, nachdem Moni bei einer weiteren Flussueberquerung fast abgesoffen waere, das Zelt in der Naehe der Strasse aufzustellen. Erschoepft, genervt, aber trocken, "verwoehnten" wir uns noch mit Kaffee und ein paar Keksen. Kurz darauf setzte ein heftiges Gewitter ein. Wir hatten noch einmal Glueck gehabt!

Bei Tagesanbruch konnten wir Raga in der Ferne erkennen. Es war nur einen Steinwurf entfernt! Angesichts des schlechten Wetters legten wir in Raga einen Ruhetag ein und setzten erst am naechsten Tag die Reise fort.
Gestaerkt ging es in frisch verschneiter Landschaft weiter. Bald klarte das Wetter wieder auf und auch der naechste 5000er konnte trocken erklommen werden. Nach der Passhoehe erwartete uns ein weiteres Mal heftiger Gegenwind und so waren wir froh in einem gemuetlichen Dormitory ein wenig auszuspannen.
Die orginelle Wanddekaration ist ein Traum fuer jeden Vegetarier ;-)
Ein paar Paesse und Schiebepartien weiter erblickten wir doch tatsaechlich wieder einmal einen Baum. Nach fast 2 Monaten eine nette Abwechslung :-)

Bis nach Lhatse erwarteten uns nur noch kleinere "Unterbrechungen" die dank einheimischer Hilfe jeweils souveraen gemeistert wurden :-)

Fuer den gesamten Highway G219 benoetigten wir fast 2 Monate, inklusive Ruhetage.


An Bewegung mangelte es uns auch in Lhatse nicht Betreffend Visaverlaengerung wurden wir auf dem lokalen PSB nach Shigatse, oder Lhasa verwiesen. Anhand dieser Tatsachen entschlossen wir moeglichst schnell nach Lhasa zu kommen, um dort vor Ort das Visa zu verlaengern. Weil langsam die Zeit knapp wurde, verluden wir das Rad bis Lhasa. Die Fahrt, vor allem im Landrover, war nicht ungefaehrlich und wir waren wirklich froh das wir in Shigatse auf einen Bus umsteigen konnten.
Kurz vor Lhasa gab es wegen Belagsarbeiten noch einen laengeren Unterbruch so dass wir erst am spaeteren Nachmittag die Hauptstadt Tibets erreichten.

Das Lachen ist den meisten Tibetern trotz den zum Teil sehr harten Lebensbedingungen und jahrzehntelanger Unterjochung durch die Hanchinesen noch nicht vergangen. Es wirkt auch trotz, oder gerade wegen Zahnluecke sehr ansteckend. Faszinierend ist auch das Ritual des Zunge heraustreckens. Es gilt als Zeichen des Respekts.

Andere Laender, andere Sitten ;-)

 

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