Tibet, der Suedosten. Im August/September 2007 von Foshan bis Batang

Von anderen Radfahrern haben wir bereits erfahren, dass kraeftig an der Haupttrasse G214 gearbeitet wird und das sich vor allem der Abschnitt zwischen Deqen und Markham in sehr schlechtem Zustand befinde soll. Und wenn in China an einer Strasse gebaut wird, dann wuehlen sie wie die Maulwuerfe! Ausserdem sollten wir auf unserem Weg nordwaerts mindestens an zwei Grenz- und Kontrollposten vorbeikommen, denn die Strasse fuehrt, wenn auch nur fuer knapp 300 Kilometer, durch die autonome tibetische Provinz, kurz TAR genannt. Alice und Andoni, ein befreundeten baskisch-belgischem Radlerpaaerchen, die dieselbe Strecke bereits ein Jahr zuvor gefahren sind, bestaetigen uns zwar die Existenz von zwei Grenzposten. Aber gemaess ihren Angaben soll sich dort ueberhaupt niemand fuer "exotische" Radler interessieren. Gutglaeubig, wie wir sind, planen wir den ersten Grenzposten bereits am fruehen Nachmittag zu passieren. Am Eingang zum Dorf Yanjings befindet sich tatsaechlich ein Grenzposten mit Schranke. Dieser ist auch nicht sonderlich schwer bewacht und so fahren wir einfach weiter. Das hat sich schon ein paar Mal gut bewaehrt. Aber nicht in diesem Fall, denn ein Grenzbeamter hat uns doch noch bemerkt.

"Do you have a cake"?

Auf die unerwartete Frage: "Do you have a cake?" Was uebersetzt soviel heissen soll, "ob wir einen Kuchen dabei haben?", sind wir eher verdutzt und haben so spontan nicht gerade eine Antwort parat. Uns ist aber sofort klar, dass er damit die Bewilligung meint, die man fuer teures Geld erwerben muss, bevor man "offiziell" als Auslaender in den Tibet einreisen kann. Das gilt uebrigens auch fuer andere bestimmte Regionen in China, die man nach wie vor als Individualreisender nicht betreten darf. Der junge Beamte, uebrigens Tibeter, ist uebermotiviert und ueberhaupt nicht gewillt auf die von unserer Seite hervor getragenen Erklaerungen und Kompromisse irgendwie einzugehen. Er beharrt darauf, dass wir jetzt gleich den Rueckweg antreten muessen, solange wir ihm nicht das benoetigte Dokument vorweisen koennen. Er bleibt stur und so aendern wir die "Taktik" und versprechen ihm, am naechsten Morgen den Bus zurueck nach Zhongdian zu nehmen um dort die benoetigte Bewilligung zu beschaffen. Erst jetzt mischt sich ein aelterer Beamte ein, und gibt uns mit Kopfnicken zu verstehen, dass wir die Schranke passieren und in dem angrenzenden Dorf, zumindest fuer diese Nacht verweilen duerfen. Bevor wir die Grenze uebertreten koennen, kommt der juengere Beamte aber nochmals auf uns zu und betont nochmals ausdruecklich, dass wir am darauffolgenden Morgen zurueckfahren muessen. Mit einem freundlichen Laecheln versprechen wir es ihm und stossen die Raeder endlich unter der Schranke durch. Mit einem Hoffnungsschimmer im Hinterkopf schieben wir unsere schwer beladenen Raeder in Richtung Dorfzentrum. Hier machen wir uns aber nicht wie versprochen auf die Suche nach einer Unterkunft, sondern radeln langsam und gemaechlich durch das huebsche Doerfchen Yanjing. Irgendwann bemerken wir, dass wir das Dorf und seine Menschen bereits wieder hinter uns gelassen haben. Wir stellen erfreut fest, dass wir uns doch tatsaechlich wieder auf der Hauptstrasse Richtung Tibet befinden. Mit einem Blick zurueck vergewissern wir uns, ob uns auch ja kein Beamter gefolgt ist. Wir haben Glueck, es ist niemand zu sehen. Dem grossen Radlernetzwerk sei Dank, ist uns bekannt, dass es in Yanjing zwei Grenzposten gibt. Der Zweite befindet sich ungefaehr 5 Kilometer ausserhalb des Dorfes. Da wir nicht noch einmal in dieselbe verzwickte Lage kommen wollen, und nicht noch einmal riskieren wollen zurueck geschickt zu werden, beschliessen wir sofort in der Naehe ein verstecktes Plaetzchen zu suchen, auf dem wir ungestoert unser Zelt aufbauen und die Nacht verbringen koennen.

Uebernachtung im "Niemands"land

Es kostet uns ein hartes Stueck Arbeit, bis wir die Raeder den steilen Feldweg hoch geschoben haben und endlich einen passenden Zeltplatz finden, der sich ein wenig abgelegen von der Hauptstrasse befindet und dazu gut versteckt ist. Zuerst gilt es aber noch einen groesseren Bach zu ueberqueren, der ziemlich viel Wasser fuehrt. Der Bach hat zwar keine Bruecke, dafuer fuehrt ein dicker Baumstamm auf die andere Bachseite. Erst nach mehreren waghalsigen Balanceakten ist das Gepaeck zum Glueck trocken auf der anderen Uferseite angelangt. Die Raeder werden einfach barfuss durch den Bach geschoben. Bei Tageslicht geht dieses Unterfangen ja noch relativ einfach von statten. Aber morgen wollen wir wieder zurueck auf die Hauptrasse und das noch vor Anbruch des Tages, also in kompletter Finsternis! Die ganze Nacht hindurch regnet es ununterbrochen. Als wir uns am naechsten Morgen bereits um 3 Uhr aus den Schlafsaecken schaelen, schuettet es tatsaechlich immer noch wie aus Kueblen. So muss das Zelt leider nass verstaut werden. Mit den Stirnlampen und Badelatschen "bewaffnet" balancieren wir diesmal ziemlich wacklig ueber den glitschigen Baumstamm und wie durch ein Wunder faellt auch diesmal nichts ins Wasser. Als wir uns endlich wieder auf der "Hauptstrasse" Richtung Tibet befinden, bleiben in den jetzt schon knietiefen Pfuetzen immer wieder unsere Flip-Flops (Badelatschen) im Schlamm stecken

Mit Badelatschen tappen wir im Dunkeln

Im Stockdunklen und bei stroemenden Regen schieben wir unsere Raeder auf katastrophaler Strasse den Berg hinauf. Die vielen Schlagloecher erlauben uns nicht, auch nur einen Meter im Dunkeln zu radeln. Auch immer oefter muessen wir zu zweit schieben. Entsprechend langsam kommen wir voran. Unser Herz klopft vor lauter Angst und Anstrengung wie wild! Schon von Weitem kuendigt ein heller Scheinwerfer den zweiten Grenzposten an. Wir schalten das Licht an unseren Stirnlampen aus und schleichen uns so leise wie moeglich an. Gluecklicherweise ist die Grenzschranke oben, sodass wir ohne weiteres passieren koennen. Jeden Moment erwarten wir wildes Hundegebell und ein paar hoch motivierte Beamte, die uns in den Weg treten und uns am Weitergehen hindern wollen. Wir haben unglaubliches Glueck und die Beamten scheinen tief zu schlafen oder verspueren wegen des schlechten Wetters keine grosse Lust Wache zu schieben. Es bleibt alles ruhig. Unser Herz schlaegt so laut das man es sicher von weit her hoeren kann. Leise stossen wir unsere Fahrraeder weiter, mit dem einzigen Gedanken so schnell wie moeglich vom Grenzposten weg zu kommen. Trotz knurrendem Magen goennen wir uns ueber laengere Zeit keine Pause, um bei Tagesanbruch eine grosse Distanz zwischen uns und dem Kontrollposten gebracht zu haben. Jederzeit rechnen wir mit einem voll besetzten Polizeifahrzeug, das uns wieder zurueckschicken will! Ein bisschen "beruhigter" fuehlen wir uns erst, als wir die ersten Hindernisse auf der Strasse erblicken... "Beruhigt" im Bezug auf eine moegliche Verfolgungsjagd seitens der Polizei, aber sehr "beunruhigt", was die aeusserst prekaeren Strassenverhaeltnisse betrifft!

Schlammlawinen und Pannen

Dazu kommt das schlechte Wetter, denn im August sind die Auswirkungen der Regenzeit ueberall zu sehen und vor allem zu spueren! Kilometerlanges schieben durch zaehen Schlamm zerren nicht nur an unseren Kraeften, auch die Fahrraeder reagieren auf die Strapazen der letzten Tage. Als wir gerade wieder einmal eines der zahlreichen Strassenarbeitercamps passieren ertoent ein lauter Knall!

Wird gesprengt, oder sogar auf uns geschossen?! Zum Glueck handelt es sich nur um einen Plattfuss am Vorderrad. Das gehoert wirklich zu den angenehmeren Reparaturen im Fahrradalltag. Aber leider hat auch das Hinterrad etwas abbekommen und ein gebrochener Speichennippel hat zur Folge, dass das Rad unbedingt zentriert werden muss. Das Zentrieren gehoert "noch" nicht zu unseren Staerken und so beschliessen wir uns im "Camp" der Strassenarbeiter genuegend Zeit dafuer zu nehmen. Der Koch des "Camps" kuemmert sich liebevoll um uns, und bietet uns neben warmem Essen auch gleich ein Bett fuer die Nacht an. Das Angebot nehmen wir gerne an. Die einfache Herberge ist geradezu ein Luxus im Vergleich zu dem was wir sonst am Strassenrand gesehen haben. Diese sehr einfachen Verschlaege sind meist nicht mehr als nur notduerftig mit einer Plane gedeckte Pritschen, die zumeist gefaehrlich tief am Abgrund plaziert sind. Wenn man sich vorstellt, das ein Arbeiter ueber mehrere Monate, wenn nicht sogar laenger darin hausen muss. Und das bei einem Hungerlohn und selbstverstaendlich bei jedem Wetter!

Wenigstens wird unsere Schufterei am naechsten Tag belohnt. Kurz vor der Passhoehe, wird uns von zwei aufgestellten tibetischen Schwestern ein einfaches, aber feines Mittagessen serviert. Der Regen hat ein Einsehen mit uns und endlich setzt sich die Sonne wieder durch. So koennen wir trotz schlechter Strasse die Abfahrt in vollen Zuegen geniessen.

Zelten am Dorfrand

Ist nichts fuer menschenscheue Seelen! Als wir das kleine Dorf passieren, ist es bereits spaeter Nachmittag. Wir bekommen nur vereinzelt ein paar Bewohner zu Gesicht und diese winken uns freundlich und ein wenig scheu zu. Wir entschliessen uns, das Zelt gleich nach dem Dorf in der Naehe des Flusses aufzustellen. Kaum ist das Gepaeck abgeladen, kommen von ueberall her, laut johlend Kinder angelaufen.

Interessiert und mit offenen Muendern bestaunt die Kinderschar unser Gepaeck. Die Passivitaet ist nur von kurzer Dauer und beim Aufstellen des Zeltes wollen natuerlich alle mithelfen. Den kleinen "Wilden" kann es nicht schnell genug gehen. Amuesiert sehen wir dem Treiben zu, denn selbst die Kleinsten unter ihnen packen schon tuechtig mit an. Eigentlich erstaunlich das keine Zeltstangen zu Bruch gehen. Kaum ist der letzte Hering eingeschlagen und alle Schnuere abgespannt, gibt es bei den Kleinen kein Halten mehr. Natuerlich wollen alle gleichzeitig das Ganze von innen erkundigen…..

Die Situation entgleitet uns immer mehr. Unser Zurechtweisen zeigt absolut keine Wirkung. So sehen wir uns gezwungen, eine einheimische Frau, die wahrscheinlich die ganze Szene schon laenger belustigt mitverfolgt hat, um Hilfe zu bitten. Sie schreit nur einen Satz in Richtung der Rasselbande und siehe da, schon stieben die "Rotzloeffel" in alle Himmelsrichtungen. Das zum Thema natuerliche Autoritaet ;-)) Ziemlich frueh stehen wir am naechsten Morgen auf, und hoffen so einem weiteren Ansturm der Kinder zu entgehen. Wir bleiben aber auch diesmal nicht lange alleine. Zwei Kinder, diesmal in Begleitung ihres Vaters, helfen uns tatkraeftig beim Zusammenpacken unserer Siebensachen. Nach einem herzlichen Abschied, befinden wir uns schon bald wieder auf der Strasse.

Einfach herrlich diese Kinder ;-)) Das Wetter zeigte sich weiterhin im Sonntagskleid, die Leute sind freundlich und die Schoenheit der Landschaft ist betoerend. Ja so macht das Radeln Spass!

Wilde Reiter

Markham ist bei Radfahrern vor allem fuer seinen "scharfen" Grenzposten auf dem Weg nach Lhasa beruechtigt. Als gebrannte Kinder befuerchten wir natuerlich das Schlimmste. Wir werden aber potitiv ueberrascht, denn hier interessiert sich kein Beamter fuer uns zwei Auslaender. Im Gegenteil, es gefaellt uns sehr gut in der kleinen Stadt und die Einheimischen sind ueberaus freundlich. So verbringen wir drei Tage in der angenehmen Kleinstadt. Neben einer ausgedehnten Reinigung unserer Stahlroesser besuchen wir das schoene buddhistische Klosters im Zentrum der Stadt. Dieses besticht vor allem durch seine Einfachheit. Kein überflüssiger Prunk lenkt den Besucher ab und gerade deswegen ist es in keinem Reisefuehrer vermerkt. Wir begegnen hier groesstenteils Tibetern vom Land, die ihrem Glauben froehnen und andaechtig mit einer kleinen Gebetsmuehle in der Hand das Kloster umrunden.

Auf unserem letzten Teilstueck im Suedosten Tibets kommen wir in den Genuss einer 60 Kilometer langen Abfahrt. Die nicht geteerte Strasse fuehrt durch eine offene Schlucht und je mehr wir an Hoehenmetern verlieren, desto ueppiger wird die Vegetation. Wir geniessen die warmen Temperaturen und sind schon ganz in Tagtraeume versunken, als ploetzlich vor uns eine Gruppe Reiter auftaucht. Es sind Khampas! Die tibetische Volksgruppe der Khampas gilt als sehr stolz und kaempferisch. Von chinesischen Radfahrern hoerten wir die wildesten Horrorgeschichten ueber sie. So sollen in dieser Gegend auch schon Reisende attackiert worden sein. Diese bewahrheiteten sich nicht fuer uns. Die Gruppe Reiter gruesst uns freundlich und laesst sich auch gerne von uns fotografieren. Obwohl unseres Wissens jeder Khampa ein Messer bei sich traegt, hatten wir nie das Gefuehl, dass sie gegenueber uns gefaehrlich werden koennten. Diese Attacken wurden unseres Wissens bis anno dato auch "nur" gegen Han-Chinesen veruebt.

Deutlich gefaehrlicher sind da schon die abenteuerlichen Tunnelfahrten, eine wahrlich finstere Angelegenheit! Ueber unseren Abstecher nach Chengdu und Xian, sowie dem Besuch von Robi's Eltern erfaehrt ihr dann in einem weiteren Reisebericht!

 

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